Wunden der Geschichte – Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Dachau

Ehemaliges Lagertor Foto: Stefan Müller-Naumann / KZ-Gedenkstätte Dachau

Appell im KZ Dachau, Ende November 1938 Gemälde von David Ludwig Bloch, 1940 KZ-Gedenkstätte Dachau

Ehemaliges Wirtschaftsgebäude und ehemaliger Appellplatz (Ausschnitt) Foto: Rainer Viertlböck / KZ-Gedenkstätte Dachau

„Die Deutschen leben in ihrer Geschichte. Das gefällt mir.“ – Der junge Mann ist um die zwanzig und kommt aus Texas. Zusammen mit zwei Freundinnen steht er vor dem Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau und antwortet auf die Frage, warum er ausgerechnet diesen Ort sehen wolle. Sein eigenes Land, fügt er nach einem Moment des Nachdenkens hinzu, habe eine Geschichte der Sklaverei, aber leider kenne er kein Museum, das sich damit beschäftige.

Der Vorplatz ist voll, viele Menschen sind an diesem glutheißen Tag nach Dachau gekommen. Auch die 12. Klassen des Wirtschaftsgymnasiums der Robert-Franck-Schule besuchen, wie schon in den Jahren zuvor, diesen Geschichtsort deutschen Unrechts. Wir sind hier, um zu sehen, zu verstehen und zu erinnern.

Der Name Dachau ist zum Urbild für das mörderische Lagersystem geworden, das die die Nationalsozialisten in den zwölf Jahren ihrer Herrschaft aufbauten. Schon wenige Wochen nach Hitlers Machtübernahme entstand in einem leerstehenden Fabrikgebäude die Keimzelle des ersten Konzentrationslagers, das allen späteren zum Muster diente. Als Ausbildungszentrum der SS war Dachau der Ort, an dem die Wachmannschaften der anderen Lager ihr blutiges Handwerk lernten und von dem aus sie es in die Welt trugen.

Heute wie damals betritt man das Gelände durch das riegelartige Eingangsgebäude. Neben pöbelnden und prügelnden Wachleuten erwartete die Häftlinge hier auch die schmiedeeiserne Torinschrift „Arbeit macht frei“. Dieser erste zynische Zuruf – von den Eingesperrten „die Lüge im Tor“ genannt – überschrieb alles Leben und Sterben im Lager.

Der Satz steht immer noch da, aber heute ist das Tor weit offen. Mit gutem Grund, wie der Rundgangsleiter betont, denn dies ist kein Lager mehr, sondern ein Ort des Gedenkens. Er soll frei zugänglich sein, aber man soll ihn auch jederzeit wieder verlassen können. Wir befinden uns, so die Erklärung, mitten in einer offenen Wunde der Geschichte. Heute wie damals umgibt diese Wunde normales, alltägliches Leben. Nach dem Willen seiner Erbauer sollte das Konzentrationslager mit der Zeit immer mehr zu einem Teil dieser Normalität werden. Die Nationalsozialisten machten kein Geheimnis aus der Bestimmung dieses Ortes, aber sie steuerten sehr bewusst seine Wahrnehmung. Von außen sah man nur die saubere und gepflegte Oberfläche: eine streng symmetrische Anlage mit akkurat gesetzten Zäunen und penibel getrimmten Grünstreifen zur Bestrafung Krimineller. Die aufsteigende Ahnung, dass sich hinter der Ordnung und Kontrolle eine totalitäre Drohung an alle verbarg, war gezielt einkalkuliert.

Wir stehen auf dem Appellplatz im Herzen des Lagers. Hier begann und endete jeder Lagertag mit einem Zählappell, der für die entkräfteten Häftlinge stundenlanges Stehen und gewalttätige Übergriffe der Wachen bedeutete. Das später entstandene Gemälde eines Überlebenden lädt die entmenschlichende Prozedur bedrückend auf: In scharf abgezirkelten Reihen, durchbrochen von schmalen Zwischenwegen, wenden tausende Menschenpunkte dem Betrachter den Rücken zu. Den gefüllten Platz umgibt eine formlose Gebäudemasse, aus der sich einzelne Türme herausheben. Von drei Seiten zucken gelbe Scheinwerferdreiecke über die reglosen Kolonnen hinweg wie gefletschte Zähne im Maul eines Ungeheuers. Über dem größten Scheinwerfer, in der Mitte des Bildes, thront in unberührter Ferne ein geschlossenes Auge. Der verborgene Gott. Unterzeichnet ist das Bild mit einer Häftlingsnummer und dem jüdischen Winkel. Der Name des Künstlers, David Ludwig Bloch, bleibt winzig klein.

In den zwölf Jahren seines Bestehens wurden im Konzentrationslager Dachau über 200.000 Häftlinge registriert und zugleich ihrer Namen beraubt. Jeder Fünfte von ihnen kam hier zu Tode. Die Gedenkstätte dokumentiert das Leben und Sterben dieser Menschen am historischen Ort. Fotos und Berichte geben einigen von ihnen stellvertretend für die große Masse ihr individuelles Gesicht zurück. „Wir wohnen heute auf den Gräbern dieser Menschen“, so der Rundgangsleiter am Ende der Führung. „Wir sind es ihnen schuldig, dass ihr Schicksal nicht vergessen, sondern erinnert wird.“

Keine Gedenkstätte der Welt kann geschehenes Unrecht heilen. Aber sie kann dafür sorgen, dass weder Achtlosigkeit noch taktisches Kalkül die Wunden der Geschichte vergessen machen. Das Wissen um die alten Wunden sollte uns davor bewahren, neue zu riskieren. Möge der junge Mann am Eingang recht behalten mit dem, was er über die Deutschen sagt.