Wie kommt es eigentlich, dass auf Abibällen in einem fort zitiert wird? Nun, das Abitur ist immerhin der höchste schulische Abschluss in Deutschland, und das damit verbundene Bildungsniveau soll bei solchen festlichen Anlässen natürlich sichtbar werden. Darum also Zitate. Da ist aber noch mehr: Lebensstationen wie diese verlangen nach Orientierung, und dabei hilft manchmal, was andere erfahren und im besten Fall treffend auf den Punkt gebracht haben, zum Beispiel so: „Freundschaften in der Schule sind wie Freundschaften im Knast: Man weiß erst draußen im richtigen Leben, was sie wert sind.“ (Benedict Wells)
Gelächter im Saal. Einundsiebzig Absolventinnen und Absolventen aus fünf 13er-Klassen der Robert-Franck-Schule feiern an diesem Abend in Remseck-Hochberg ihr bestandenes Abitur, dazu noch einige den schulischen Teil der Fachhochschulreife. Steffen Benz, Schulleiter der Robert-Franck-Schule, steht auf der Bühne und spannt einen weiten Bogen von konkreten Erlebnissen der letzten drei Schuljahre über die Institution Schule hin zu dem, was sich jetzt als „richtiges Leben“ vor den jungen Menschen öffnet. Zwischendurch klingt er nachdenklich, fast besorgt, als er von Einflüssen spricht, die von Eigeninteresse geleitet seien und dabei auf manche Medien, Apps, Konzerne und Influencer verweist. Einer seiner früheren Uni-Professoren habe passenderweise gesagt: „Es gibt nur einen echten Grund gebildet zu sein – um nicht zum Opfer zu werden.“ Im Leben sei Mut zu Entscheidungen gefragt. Diesen Mut erproben, eigene Entscheidungen treffen und neue Wege gehen zu können, das bedeute Freiheit.
Immer wieder wird an diesem Abend von Wegen und Reisen gesprochen. Am Ende seiner Rede macht sich Benz eine besondere Abschiedsszene zu eigen: Pung Ging, der Kaiser von Mandala in Michael Endes Roman „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, entlässt die beiden Titelhelden auf ihre gefahrvolle Reise zur Befreiung seiner Tochter Li Si aus dem Drachenland: „Meine Freunde, möge der Himmel euch beschützen. Von nun an werde ich mir nicht mehr nur um Li Si Sorgen machen, sondern auch um euch beide. Denn ich habe euch lieb gewonnen.“ –
Eine andere, offenbar ähnlich gefahrvolle Reise rufen etwas später gleich zwei Klassenlehrerinnen, Elisa Frank und Melanie Weigelt, in Erinnerung. Nach kurzen Videos mit Schnappschüssen und Clips aus den drei Schuljahren sind die einzelnen Klassen in den Saal eingezogen und stehen auf der Bühne, um ihre Zeugnisse entgegenzunehmen und sich von der Festgesellschaft feiern zu lassen. Es ist Tradition, dass auch die Klassenlehrkräfte ihnen ein paar Worte mit auf den Weg geben. Jetzt geht es um Manni den Fuchs, unvergesslicher Busfahrer auf der gemeinsamen Studienfahrt in die Toskana. Mannis Beherztheit im italienischen Verkehr, sein Eigensinn und Mut zum Improvisieren werden zum Sinnbild dafür, im Leben selbst das Steuer in die Hand zu nehmen und nicht bloß Mitfahrer zu sein. Manni, der komme was wolle entschlossen Deutsch sprach, empfängt in der Lehrerinnenrede sogar den Ritterschlag durch einen Ausspruch des italienischen Dichterfürsten Dante Alighieri: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an – und handelt.“
Handeln müssen nun auch Lehrerinnen und Lehrer, die im Quiz und beim schnellen Finden von Gegenständen im Saal gegen ausgewählte Schülerteams antreten. Fragen wie die nach der Anzahl der Zähne einer Schnecke oder den Bestandteilen der ersten Zahnpasta bringen wohl jeden im Saal an die Grenze seines Allgemeinwissens. Einfacher wird es immerhin bei der Frage nach dem durchschnittlichen Alkoholgehalt deutschen Biers.
Den ganzen Abend über ist der Stolz der Absolventinnen und Absolventen auf das in drei Jahren Geschaffte zu spüren. Zehn Schülerinnen und Schüler bekommen vom Abteilungsleiter des Wirtschaftsgymnasiums Frank Ziegner Belobigungen für gute Abiturschnitte; fünfzehn weitere haben Schnitte im Einserbereich und erhalten Preise. Eine Vielzahl weiterer Preise wird für herausragende Leistungen in einzelnen Fächern verliehen. Und bei alledem erinnern die scheidenden Schülersprecher der RFS Ela Acikgözoglu und Leonardo Tabusso als Moderatoren des Abends an diejenigen Mitschülerinnen und Mitschüler, die das Abitur oder die Fachhochschulreife in diesem Jahr nicht erreicht haben und nun entweder wiederholen oder sich anders orientieren. Auch ihr Weg verdient Anerkennung.
Neben berechtigtem Stolz ist es auch ein Abend des Dankes. Schüler wie Lehrer weisen immer wieder auf die unschätzbar wichtige Unterstützung durch die Eltern und Familien hin. Schließlich werden auch Klassen- und Fachlehrkräfte auf die Bühne gebeten und von ihren Klassen ebenso aufmerksam wie großzügig beschenkt. Jetzt gibt es nicht mehr viele Worte, sondern die Geste zählt. Und die Klassenkassen dürften damit nun wirklich restlos geleert sein.
Zitate (auch auf Abibällen) rufen fremdes Erleben und Erfahren nur herbei, wiederholen können sie es nicht. Die Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2025 werden in ihrem Leben manches ähnlich, vieles anders und nichts genau gleich machen wie ihre Vorgänger. Die Einsichten und Erfahrungen dieser Vorgänger zu kennen und aus ihnen zu lernen, wird zwar immer nützlich sein. Zu wünschen aber bleibt den jungen Menschen ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben mit dem Zitat, nicht im Zitat. Einen anderen Weg gibt es ohnehin nicht.







