Stellen wir uns einen ahnungslosen Besucher vor, der an diesem sommerlichen Morgen das Foyer der Robert-Franck-Schule betritt: Er könnte damit rechnen, müde Schülerinnen und Schüler einzeln oder zu zweit in ihre Klassenzimmer trotten zu sehen, hier und da wäre ein über den Flur eilender Lehrer zu erwarten, Kopiervorlagen in der Hand, oder Lehrerinnen, noch kurz im Gespräch, bevor es läutet und sich überall im Schulhaus die gelben Türen schließen. Dann wäre erst einmal für neunzig Minuten Stille auf den Gängen, manchmal unterbrochen von zu spät Kommenden und Toilettengängern.
Doch dieser Morgen ist anders. Der ahnungslose Besucher würde sich die Augen reiben: Überall stehen Trauben junger Leute beisammen, im Foyer baut man einen Waffelstand auf, Gäste mit Materialkoffern werden begrüßt und durchs Haus geführt, am Eingang hängen lange Listen mit Workshops. Irgendwann verlagern sich drei große Menschengruppen an die Eingänge und in die Aula, werden begrüßt und eingestimmt, und der Tag nimmt seinen Lauf.
Die RFS erprobt, hinterfragt, erarbeitet und feiert die Demokratie. Die ganze Schule ist auf den Beinen. Abteilungsleiter Frank Ziegner vergleicht die Demokratie mit einer Baustelle, die nie zu einem Ende kommt: nichts für Ungeduldige, manchmal anstrengend und eine dauerhafte Herausforderung für jeden und jede Einzelne. Diese eingebaute Unfertigkeit anzunehmen und sie nicht als Systemfehler, sondern als Systemchance zu begreifen und fruchtbar zu machen, darum soll es an diesem Demokratietag gehen.
Es ist eine beeindruckende Palette mit über zwanzig Veranstaltungen, die das Planungsteam aus Elisa Frank, Ines Graf, Carina Langauer und Melanie Weigelt auf die Beine gestellt hat. Die Angebote reichen von internationalem Kochen, Debattenwettbewerben und der Entlarvung von Fakefotos und -videos über die Auswirkungen der EU im Alltag, Möglichkeiten der Friedensbildung und die deutsch-französischen Beziehungen bis hin zu Bewegungsspielen in der Turnhalle. Dabei bringen sich das gesamte Schulkollegium und zahlreiche externe Gäste tatkräftig ein. Die Fachschaft Global Studies etwa veranstaltet das Planspiel „Willkommen bei den Albatis“, in dem ein Expeditionstrupp von Forschungsreisenden im Urwald auf ein indigenes Volk stößt und dessen fremdartige Gebräuche und Verhaltensweisen zu entschlüsseln versucht. Im Nachgespräch sind die Schülerinnen und Schüler verblüfft, wie stark kulturell vorgeprägte Sichtweisen ihre Wahrnehmung und Wertung bestimmen und zu fundamentalen Missverständnissen führen. Ein hervorragender Übungsparcours für Fingerspitzengefühl.
Ein anderer Workshop behandelt das Thema Populismus. Dabei werden die Teilnehmer in Zufallsgruppen zusammengelost und sammeln unter der Maske von Populisten und Stammtischphilosophen zunächst typische Klischees und Vorurteile gegenüber gesellschaftlichen Minderheitengruppen. Schon dabei zeigt sich, wie allgegenwärtig abwertende Denkmuster im Alltag vorkommen und wie leicht sie zur Hand sind. Ein besonderer Aha-Moment entsteht im Plenum, als der Workshopleiter Lukas Wiesehöfer die Stereotypenliste der einen Minderheitengruppe mühelos in eine populistische Wutrede gegen eine andere verwandelt. Es ist also vollkommen egal, ob Ausländer, Frauen, Männer oder Arbeitslose das Ziel solcher Angriffe sind – die Mechanismen der Diffamierung sind gleichermaßen flach wie austauschbar. Von der Analyse geht es weiter zu der Frage, wie man populistische Redeweisen sinnvoll kontern kann. Vermeidungsstrategien oder Kontaktabbruch helfen hier nicht, so Wiesehöfer; vielmehr ist es wichtig, deutlich Einspruch zu erheben und klarzumachen, dass das Geäußerte nicht geteilt wird. So sieht wirksames Demokratietraining für den Alltag aus.
In der Aula bereitet unterdessen ein Gast seine Präsentation vor, der aus eigener Erfahrung darüber sprechen kann, wie es sich anfühlt, Opfer eines zutiefst undemokratischen Systems zu sein: Dr. Wolfgang Welsch wurde wegen versuchter Republikflucht und Hochverrats in der DDR verurteilt und saß dort mehrere Jahre in Haft. Eindringlich schildert er perfide Gefängnisschikanen und Folter bis hin zu einer Scheinhinrichtung, beschreibt aber auch die Solidarität unter den Häftlingen und die Unterstützung durch seine Familie. Nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik machte Welsch es sich zur Aufgabe, als Fluchthelfer auch anderen DDR-Ausreisewilligen den Weg in die Freiheit zu eröffnen. Im Saal ist es völlig still, als er von den darauffolgenden Mordanschlägen des DDR-Staatssicherheitsdienstes berichtet, der ihn als erklärten Staatsfeind auch im Ausland unschädlich zu machen versuchte. Dass er überlebte, verdankte er mehr als einmal glücklichen Umständen. Das Publikum ist fasziniert, stellt Rückfragen, und am Ende muss der Gast für etliche Interessierte seine Biographie signieren. Eine Schülerin erzählt ihm von ihrer Familie, die aus der DDR kam.
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Beim Rückblick auf die DDR hatte Wolfgang Welsch die Autorin Christa Wolf zitiert; der Satz passt aber genauso gut auch auf seine eigene atemberaubende Lebensgeschichte und auf ihn selbst. In diesem Zeitzeugen wird anschaulich, wie untrennbar Vergangenheit und Gegenwart ineinander verschlungen sind. Letztlich richtet sich sein Blick aber auf die Zukunft, denn er arbeitet dafür, dass sich die Geschichte um keinen Preis wiederholt. Die Demokratie, so Welsch, ist nicht in Beton gegossen. Genau deswegen müssen wir sie bewusst erleben, feiern und verteidigen. Dieser Schultag ist wirklich anders als andere.






