Stolpern kann sein Gutes haben – unterwegs mit ‚Lokstoff‘

Stitzenburgstraße 17

Stolpersteine

Familie Marx in den 1950er Jahren in Amerika

Ein friedlicheres Viertel kann es nicht geben: Stuttgart-Mitte, Stitzenburg-/Ecke Wächterstraße. Propere Stadthäuser, mehrstöckig, Gründerzeitfassaden, Putz und roter Backstein, dort ein Flecken Grün, daneben eine gemütliche Bäckerei mit warmem Licht. An diesem feuchtkalten Januarvormittag locken heißer Kaffee und frische Brezeln.

Aber wir sind verabredet. Kathrin Hildebrandt vom Stuttgarter Theater ‚Lokstoff‘ führt die kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern um GGK-Lehrerin Elisa Frank die Straße hinauf vor das Haus Nr. 17 und beginnt zu erzählen. Nicht immer ist das Stadtviertel so friedlich gewesen wie heute. Kleine Messingplatten, Stolpersteine, weniger als 10 cm im Quadrat und eingelassen in den Gehweg vor dem Haus, erinnern an Menschen, die einst hier wohnten und an das furchtbare Unrecht, das ihnen angetan wurde. In die Platte eingestanzt stehen ihre Namen und Lebensdaten: Max Kahn, Jahrgang 1884, ermordet 1944 und Hilde Kahn, geborene Pick, Jahrgang 1896, ermordet 1942.

Die Schauspielerin füllt die dürren Daten mit Leben. In ihrer Erzählung ersteht der Alltag der Familie Kahn neu: Heinz und Hannelore, die Kinder, werden in den zwanziger Jahren geboren und verbringen hier eine glückliche Kindheit. Beim Bäcker an der Ecke kaufen sie Brezeln und klettern im Kastanienbaum im Hinterhof des Hauses Nr. 17. Wir Heutigen gehen, eine geschenkte Brezel in der Hand, an ihrer ersten Schule, der Jakobschule, vorbei, aus der auch hundert Jahre später noch immer Kindergeschrei dringt. Kathrin Hildbrandt zeigt uns den Ort am Marktplatz, an dem das Haushaltswarengeschäft des Max Kahn stand. In den dreißiger Jahren werden Heinz und Hannelore immer öfter schikaniert, auch in ihrem Viertel, wo jeder sie kennt. Sie müssen ihre Schulen verlassen, weil sie Juden sind, und der gelbe Stern macht sie zur wehrlosen Zielscheibe von Spott und Gewalt. Heinz kann auf einem Kindertransport nach England entkommen, aber Hannelore und die Eltern müssen 1941 innerhalb Stuttgarts in eine sogenannte Judenwohnung umziehen. Ihre Fluchtpläne zerschlagen sich und noch im selben Jahr werden die Grenzen für jüdische Menschen geschlossen. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr: „Die Züge rollten auch von Stuttgart aus. Die Stadt hörte sie rollen – und schwieg.“ – Der Stolperstein vor der Nr. 17 vermeldet lapidar: „Deportiert 1941 Riga“.

Unsere Gruppe sitzt mittlerweile im Stadtpalais an einer langen Tafel. Das Tischtuch ist mit Familienfotos der Kahns bedruckt. Ein gedeckter Tisch mit Blumen und, wieder, – frischen Brezeln. Es ist, als könnte die Familie jeden Moment wiederkommen.

Die Eltern kehrten nie zurück, aber wir erfahren noch viel über das Schicksal von Hannelore Kahn. Den Lagern entflohen und nach endlosen Irrfahrten wieder in ihrer Heimatstadt Stuttgart findet die junge Frau den Mann ihres Lebens. Beide wandern 1946 nach New York aus. Tonaufnahmen bewahren Hannelores Stimme und den starken deutschen Akzent, mit dem sie auch Jahrzehnte später noch Englisch spricht. Sie lebt nicht im Wohlstand, aber nach den unmenschlichen Entbehrungen der Lager gönnt sie sich hier und da ein wenig Luxus, Maniküre etwa oder den Gang in den Schönheitssalon. Und sie empfindet Schuldgefühle, weil sie überlebt hat, während so viele andere gestorben sind.

Hannelore Marx, geborene Kahn, wurde 95 Jahre alt. Eine spätere Mieterin der Kahnschen Wohnung in der Stitzenburgstraße – sie wohnt noch immer dort – knüpfte Kontakt zu ihr, besuchte sie in New York und schloss Freundschaft mit ihr. Bis zu ihrem Tod 2017 freute sich Hannelore über Neuigkeiten aus Stuttgart. In ihrem Elternhaus Stitzenburgstraße Nr. 17 finden regelmäßig Abendveranstaltungen statt, auf denen man um einen großen Tisch herum sitzt, die Geschichte von Max, Hilde und Heinz Kahn sowie Hannelore Marx hört und über sie spricht.

Die Initiative Stolperkunst hält im Hören und Reden die Erinnerung an diese und andere von den Nationalsozialisten verfolgte und ermordete Menschen lebendig. Ein solches Stolpern kann heilsam sein. Lassen wir uns aus dem Tritt bringen, hören wir hin und schweigen wir nie wieder!