Literarische Zeitreise – ein Ausflug ins Archiv Marbach

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die drei Hauptgebäude des Deutschen Literaturarchivs (DLA) hoch oben über dem Neckar. Auf dem Weg zur Schillerhöhe passiert man zunächst den geduckten Funktionskomplex des Literaturarchivs mit Bibliotheks- und Sammlungsräumen. Gleich darauf weitet sich der Blick auf den herrschaftlichen Kuppelbau des Schiller Nationalmuseums und die Säulenfront des Literaturmuseums der Moderne links daneben. Jedes Gebäude ist ein eigenes Universum, gemeinsam sind sie einer der zentralen Orte kultureller Erinnerung in Deutschland.

Die Klasse WG 12/1 der Robert-Franck-Schule, begleitet von Frau Ehrenreich und Herrn Müller, ist hier zu einem Workshop verabredet. Wir beginnen im Literaturmuseum der Moderne, das daherkommt wie ein griechischer Tempel in den nüchternen Kleidern des 21. Jahrhunderts. So hängen schon äußerlich Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander zusammen. Nebenan, im Kuppelsaal des Schiller Nationalmuseums, versetzt uns Verena Staack vom DLA zweihundert Jahre zurück, in die Zeit um 1800. Anhand dutzender ausgedruckter Zeichnungen, Buchtitel, Karikaturen und Porträts tragen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Facetten dieser scheinbar fernen Vergangenheit zusammen. Aber auch damals schon wandelte sich der Blick der Menschen auf sich selbst und ihr Zusammenleben, und genau wie heute hatten technologischer Fortschritt und politische Unsicherheiten ihren Anteil an diesen Veränderungen.

In kleinen Gruppen schickt Verena Staack uns nun in die Ausstellung. Jede Gruppe hat einen Rechercheauftrag und stellt später vor ausgewählten Exponaten ihre Ergebnisse vor. Oft sind es Gegenstände oder Schriftstücke des gebürtigen Marbachers Friedrich Schiller, von denen aus sich Linien in die gesamte Epoche ziehen lassen. So stehen wir vor dem Dokument, das Schiller („Monsieur Giller“!) für seinen literarischen Freiheitskampf zum Ehrenbürger der Französischen Revolution ernennt. Als er die Urkunde Monate später in Händen hält, hat der sich überschlagende Terror in Frankreich allerdings ein Maß erreicht, das in dem Geehrten eher Ablehnung und Grauen als Freude und Stolz hervorruft.

Eine andere Schülergruppe untersucht die Rolle von Frauen im Literaturbetrieb. Trotz steinharter Rollenklischees konnten einzelne Frauen auch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts einflussreiche Positionen erreichen, so etwa Therese Huber als Redakteurin einer vielgelesenen Zeitschrift. Zu sehen sind außerdem Briefe der brillanten jüdischen Intellektuellen Rahel Varnhagen, die in ihrem Berliner literarischen Salon die führenden Köpfe der Zeit zusammenbrachte. Anhand solcher Beispiele zeigen die Schülerinnen und Schüler, dass ‚Vitamin B‘ – persönliche Kontakte und Netzwerke – schon damals äußerst karrierefördernd sein konnten. Schillers persönliches Exemplar des Goethe-Bestsellers „Die Leiden des jungen Werthers“ ist in seinem zerlesenen Zustand ein treffendes Sinnbild für die enge Freundschaft und Arbeitsbeziehung der beiden. Außerdem liefert Goethes Briefroman aber auch Anschauungsmaterial für die Kommunikation und Beziehungspflege in einer Gesellschaft ohne Telefon oder Social Media. Obwohl die Freunde in Weimar nur wenige Gehminuten voneinander entfernt wohnten, schrieben sich Goethe und Schiller zeitweise täglich Briefe. Und wir können heute mitlesen.

Wenn man sich darauf einlässt, wird das Marbacher Archiv mit seinen gewaltigen Beständen zur veritablen Zeitmaschine. An diesem Nachmittag haben wir bestenfalls einen kurzen Abstecher in die Vergangenheit unternommen. Genug aber, um einen Blick auf die weite Landschaft aus Zeit- und Ideenkulissen zu erhaschen, die hier noch zu bereisen wäre.