Ein bisschen übertrieben klingt er schon, dieser Name: „Tower of Power“. Aber das Spiel ist spannend: Dreißig Jugendliche stehen im Kreis, jede und jeder hält eine zwei Meter lange gespannte Schnur in der Hand. Wie ein Wagenrad laufen die bunten Schnüre über einem lose baumelnden Metallbügel zusammen, mit dem die Gruppe rechteckige Holzblöcke vom Boden anheben und zu einem Turm stapeln kann – wenn sie denn ausreichend Fingerspitzengefühl hat und wirklich an einem Strang zieht. Alle sind konzentriert, die Blicke folgen dem langsam nach oben schwebenden Block. Als er sicher abgesetzt ist, gibt es Jubel.
Die dreißig Leute gehören zum neuen Jahrgang des Wirtschaftsgymnasiums der Robert-Franck-Schule. Sie kennen sich erst seit Kurzem, aber sie werden die kommenden drei Jahre als Klasse miteinander verbringen. Und ihre gemeinsame Schulzeit beginnt hier: in einem Jugendgästehaus im oberschwäbischen Bad Schussenried. Der Ort bietet Platz und Ambiente. Beides wird gebraucht, denn es sind nicht weniger als 112 Schülerinnen und Schüler mit ihren Klassenlehrerteams angereist. Sie sollen sich in den kommenden drei Tagen als Gemeinschaft erleben und in ihren vier Klassen zusammenwachsen.
Haus und Gelände sind weitläufig und liegen malerisch im Grünen. Kaum angekommen, dürfen wir gleich die Küche auf die Probe stellen, und schnell breitet sich Zufriedenheit aus. Ein guter Auftakt. Gleich danach wird schon thematisch gearbeitet. Die Tage sind klar durchgeplant. Jeweils vor- und nachmittags stehen Workshops auf dem Programm, in denen gezielt eine zentrale Herausforderung der schulischen Oberstufe trainiert wird: das Reden und Präsentieren vor Publikum. Und wenn sich die einzelnen Klassen in ihren Arbeitsräumen mit Körpersprache, Rhetorik und Redeimprovisation beschäftigen und alles zwanglos spielerisch ausprobieren und üben, dann verfliegt manch anfängliche Unsicherheit und es kommt ein echtes Kennen-Lernen zustande. (Beim spontanen ‚Powerpoint-Karaoke‘ etwa überschlagen sich die Teams geradezu vor verrückten Ideen, und der ganze Saal lacht.)
Abends ist Gelegenheit, die Freizeitmöglichkeiten des Hauses und der Umgebung zu nutzen. In der Sporthalle gibt es Workout, ein Kinosaal sowie Billard- und Pingpongtische stehen zur Verfügung, und das Publikum verteilt sich nach Interesse. Während aufgekratzte italienische Sprachschüler einer anderen Gruppe lautstark durchs Haus fegen und zur Nachtwanderung aufbrechen, zieht sich mancher auch einfach gemütlich in die überall vorhandenen Sitzecken und Nischen zurück. Die Lehrer spielen einträchtig Wizard.
Der Abreisetag ist arbeitsfrei. Wer bis jetzt noch keinen Blick in das Städtchen und seine Umgebung geworfen hat, lernt beides jetzt bei einer Wanderung zum Ursprung des Flüsschens Schussen und einem ‚Gletschergarten‘ aus eiszeitlichen Findlingen kennen. – Insgesamt eine runde Sache, diese Fahrt. Und während es bei strahlendem Sonnenschein durch die Bilderbuchlandschaft der Schwäbischen Alb wieder zurück nach Norden geht, hört man überall im Bus vertrautes Murmeln, Lachen und entspannte Gespräche. So braucht einem vor den kommenden drei Jahren nicht bange zu sein. Und der hochtrabende Name des Turmbauspiels hat vielleicht doch seine Berechtigung.








