Wie ein Ausrufezeichen steht die blaue Fahne mit dem gelben Sternenkranz neben der deutschen. An der Robert-Franck-Schule ist Europaprojekttag und Dr. Andrea Wechsler, Abgeordnete der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, kommt zum Podiumsgespräch. Um die siebzig Schülerinnen und Schüler der zwölften Klassen des Wirtschaftsgymnasiums füllen die Aula neben dem Schulfoyer, es moderieren Annika Haas und Olga Omelchenko.
Andrea Wechsler ist Juristin. Sie hat unter anderem als Hochschullehrerin und Unternehmensberaterin gearbeitet und ist seit vielen Jahren Mitglied der CDU. Seit 2024 gehört sie dem Europäischen Parlament an und pendelt nach Brüssel, Straßburg und Berlin. Ihre heimatliche Basis aber hat sie in und um Ludwigsburg. Besuche an Schulen sind für sie eine Möglichkeit, im Wahlkreis persönliche Kontakte herzustellen, ansprechbar zu sein und zuzuhören.
Die Moderatorinnen verlieren keine Zeit. Zum Einstieg bekommt Andrea Wechsler eine Salve von Fragen, auf die sie nur mit Ja oder Nein antworten darf, etwa: „Sind Sie zufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung?“, „Sollte die Zahl der Europaabgeordneten reduziert werden?“, „Hat die Politik Ihr Leben verändert?“
Wer häufig öffentlich spricht, tut sich mit Ja oder Nein schwer, besonders wenn die Themen komplex sind: Zufriedenheit ist selten umfassend, jeder Abgeordnete repräsentiert schon jetzt sehr viele Menschen, und Politik als Beruf macht das Leben fremdbestimmt. Leichter kurz antworten lässt sich auf: „Haben Sie jemals überlegt, aus der CDU auszutreten?“ oder „Ist die Parlamentskantine gut?“
Andrea Wechsler bemüht sich, Politik als etwas zu zeigen, das von und für Menschen gemacht wird und also immer auch eine menschliche Seite hat. Im Entweder-Oder-Spiel gibt sie Brüsseler Parlamentssitzungen den Vorzug vor den gerade abgeschlossenen, zähen Sondierungen für die neue baden-württembergische Landesregierung. Hitzige Diskussionen machen ihr mehr Spaß als stille und mit Schülerinnen und Schülern unterhalte sie sich lieber als mit Lobbyisten. In die listig gestellte Alternative zwischen Merkel und Merz lässt sie sich wohlweislich nicht locken: Diese Frage könne man erst später beantworten. Immerhin räumt sie ein, dass sie – wäre sie selbst für einen Tag Kanzlerin – die Kommunikation ändern und nicht nur rein sachlich, sondern mit mehr Menschlichkeit und Empathie führen würde.
Es ist ein bunter Strauß von Fragen, den ihr die Moderatorinnen vorlegen. Nach persönlichen Erfahrungen in der Politik geht es durch die nationalen und internationalen Herausforderungen unserer Zeit: Rentensystem, Grenzsicherung, Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise. An der Gesetzgebung zum schnelleren Ausbau der Stromnetze ist Andrea Wechsler selbst beteiligt, die Regelungen zur Unabhängigkeit von Öl und Gas hat sie mitverhandelt. In andere Themen muss sie sich vor den Abstimmungen im Parlament einarbeiten. Von dort kennt sie übrigens auch den neu gewählten ungarischen Ministerpräsidenten Péter Magyar, der als Fraktionskollege im großen Saal nur zwei Plätze entfernt saß. Ein Hoffnungsträger für Europa, wie sie betont.
Politik wurde einmal treffend beschrieben als „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. In den eineinhalb Stunden zeigt die Abgeordnete, wie das geht: Nicht immer laufe alles rund, vieles dauere zu lange. Es gebe wettbewerbshemmende Bürokratie und der Doppelsitz des Parlaments in Brüssel und Straßburg sei unsinnig. Allzu oft aber werde für selbstverständlich genommen, was erst das Ergebnis langer und harter europäischer Verständigungsarbeit sei: Reise- und Niederlassungsfreiheit, die gemeinsame Währung, Arbeit, Ausbildung, freiwillige Dienste im Ausland: „Seid offen dafür!“ ruft Andrea Wechsler dem Publikum zu. Denn das Erreichte ist leider umkehrbar und das europäische Projekt gefährdet, heute mehr denn je!
In ihren Rückfragen zeigen sich die Schülerinnen und Schüler informiert und kritisch: Hinter der Atomkraft bleiben weiterhin Fragezeichen und noch Friedrich Merz’ Abstimmungsverhalten beim Gesetz zur Vergewaltigung in der Ehe erfährt engagierte Einwände. Einem aufgeweckten Publikum braucht nicht bange zu sein vor der Mahnung des europäischen Gastes: „Am Schluss müssen Sie übernehmen. Machen Sie sich bereit dafür!“







