Wo die Zitronen blühn - Studienfahrt an den Golf von Neapel

Er wirkt nicht besonders hoch, die alles beherrschende Landmarke, die ich zwischen den Hügeln und Erhebungen entlang der Autobahn schon von weitem erwartet hätte. Und doch ist der Vesuv der Schicksalsberg dieser Region Kampanien im Süden Italiens. Von fast jedem Punkt unserer Reise werden wir ihn in den nächsten Tagen sehen können. Es ist Ende Juli, das üppige Land liegt in strahlendem Sonnenschein, rechts der Straße blitzt zwischen den Pinien immer wieder das tiefblaue Meer durch. Wir, die WG-Klassen 12/1 und 12/3 der Robert-Franck-Schule mit ihren Klassenlehrkräften, sind auf dem Weg nach Sorrent am Golf von Neapel. Die Straßen sind schmal und der Verkehr dicht. Der Weg zum Feriendorf kostet einige Umwege, und unser Wiener Busfahrer braucht nervliche Unterstützung. Schließlich aber stehen wir doch glücklich im Bleu Village, einer terrassenförmigen Anlage mit dutzenden kleinen Gästehäusern oberhalb einer hübschen Badebucht. Je vier bis fünf Leute bewohnen ein Haus, und nach der Verteilung sind die Schülerinnen und Schüler im Nu verschwunden. Am Strand, in den Restaurants, dem nahen Supermarkt und auf den vielen Treppen sieht man sie im Laufe des Abends den Ort in Besitz nehmen.

Der erste Ausflug am nächsten Tag führt unsere Gruppe in die antike Ruinenstadt Pompeji. Sie wurde im Jahr 79 n. Chr. bei einem schweren Ausbruch des Vulkans lebendig begraben und lag fast 1700 Jahre unter meterdicken Ascheschichten. Ihre Entdeckung und teilweise Ausgrabung – mehr als ein Viertel ist immer noch verschüttet – erwies sie sich als einmaliger Glücksfall für die Geschichsforschung. Goethe, der Pompeji schon bald nach Beginn der Ausgrabungen besuchte, war fasziniert: „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres.“

Wie eine stille Zeitkapsel liegt die alte Stadt inmitten der modernen. Das Pompeji von heute ist ein quicklebendiges Wirtschaftszentrum und neben der Ausgrabungsstätte ein bedeutender Marienwallfahrtsort. Vom Busparkplatz laufen wir an der alten Stadtmauer entlang, vor der schon antike Grabmäler aufragen. Für die Stadt sind Führer gebucht. Zu Beginn ein Blick ins Amphitheater: Das älteste bekannte Bauwerk dieser Art in der römischen Welt ist sorgfältig wiederhergestellt und das Publikum heute hört Konzerte am selben Ort, an dem vor zweitausend Jahren Gladiatoren miteinander kämpften oder gegen Tiere antraten. Hier in der Provinz gab es, anders als in Rom, aber keine Löwen, sondern bestenfalls wilde Hunde (die einschlägigen historischen Romane tragen gern etwas dicker auf). Immerhin: Brot und Spiele. So sehr übrigens, dass das Theater nach gewalttätigen Krawallen durch kaiserlichen Erlass einmal für mehrere Jahre geschlossen wurde... (Parallelen zu heutiger Fankultur sind wohl kein Zufall.)

Weiter, vorbei an Häuserwänden mit antiker Wahlwerbung und – wie uns scheint – obszönen Darstellungen, die tatsächlich aber Beschwörungen von Fruchtbarkeit und Abwehr gegen vermeintliche Flüche waren. Die Straßen sind mit großen, unregelmäßigen Pflastersteinen belegt, hier und da gibt es Überwege aus ovalen Blöcken, die hoch über das Straßenniveau herausragen und zwischen sich Fahrrinnen für Karren und Gespanne freilassen. Tiefe Einkerbungen im Pflaster beweisen den einstmals lebhaften Verkehr. Der amerikanische Autor Mark Twain, auch er ein früher Besucher Pompejis, klagt in seinem Reisebericht, er habe sich schmerzhaft den Fuß in einer der Spurrinnen vertreten. Später dann, vor den Gipsabgüssen einiger beim Ausbruch getöteter Pompejaner, habe sich sein Mitleid aber ganz erheblich durch die Vorstellung vermindert, einer dieser Menschen sei womöglich der von der Stadtverwaltung Pompeji Beauftragte für Straßen und Wege gewesen. (Als mir selbst widrigerweise übrigens genau das Gleiche passiert und wir kurz darauf – déjà vu! – vor denselben Gipsabgüssen stehen, gewinnt Mark Twains finstere Empfindung auch für mich eine gewisse Plausibilität.)

Leichtfüßig führt uns der Guide vorbei an wiederbelebten Weinstöcken, antiken Schnellrestaurants, zwei weiteren Theatern, einer Thermenanlage, zahllosen Brunnen und dem städtischen Bordell. In einem überdachten Häuserkarree kann man Restauratoren bei ihrer kleinteiligen Arbeit zusehen: Prächtige Bodenmosaiken sind bereits freigelegt, nun werden die Ausmalungen wieder sichtbar gemacht, die, oft im typisch tiefdunklen Rot, jede freie Wandfläche bedecken. Am Ende der Führung stehen wir auf dem Forum, dem antiken Marktplatz mit Tempeln und Verwaltungsgebäuden. Verlässt man Pompeji hier durch das alte Stadttor, führt der Weg steil bergab zurück in die grellbunte, moderne Stadt mit Imbissständen, Kinderkarussells und Eisbuden. Von unten gesehen erscheint der Venustempel, dort auf dem braun geschichteten Felsplateau, wie ein Relikt aus einer anderen Wirklichkeit.

Zehn Kilometer Luftlinie sind es bis zum Vesuv, sein stumpfes Profil erscheint als Fluchtpunkt von Straßen überall in der Stadt. Ercolano, auf den Dächern des verschütteten Herculaneum, liegt gleich unterhalb des Berges. Von hier steigt man traditionell zum Gipfel auf. Uns fährt ein kleiner italienischer Bus, der die engen Haarnadelkurven der Strecke scharf nimmt. Als unverfälschtes Wohlgefallen erlebe ich die Fahrt nicht, wozu auch ein Schild in abenteuerlichem Englisch beiträgt, das über dem gebieterisch schweigenden Fahrer geradezu hörbar grummelt: „Kein Essen, kein Trinken, kein Mucks – Trinkgeld willkommen!“

Vom Parkplatz unter dem Gipfel begleitet uns ein Führer zu Fuß bis zum Vulkankrater. Auf dem Weg bieten sich zwischen Wolken atemberaubende Ausblicke über die gesamte Küste, von Neapel mit den vorgelagerten Inseln im Nordwesten entlang der geschwungenen Meeresbucht bis in den Süden zur Halbinsel von Sorrent mit der Insel Capri als ihrer Verlängerung. Durch jahrhundertelange Tätigkeit und zahlreiche kleinere Ausbrüche sieht der Vulkan heute völlig anders aus als in der Antike. Momentan ist er ruhig, der letzte Ausbruch war 1944, aber Messgeräte auf der Krone und im Inneren des Kraters überwachen ihn ständig. Das poröse Gestein lagert sich in deutlichen Schichten ab, die ein ganzes Farbspektrum zwischen rot, braun und schwarz durchlaufen und manchmal mit Gras und Moos überwachsen sind.

Bei der Eruption, die Pompeji traf, stieg eine kilometerhohe Asche- und Gesteinswolke von hier aus kerzengerade in die Luft und ging dann als stundenlanger Regen über der Stadt und dem Umland nieder. Absolut tödlich aber waren heiße Gasströme, die danach den Berghang hinunterstürzten und alles Leben erstickten. Der nächste Ausbruch ist nur eine Frage der Zeit.

„Neapel sehen und sterben!“ – oder doch besser Capri?

Es muss ja nicht sein, dass man gleich nach dem Sehen stirbt, aber so geht die Redensart. Vom Gipfel des Vesuvs hatte sich die Stadt schon aufs Prächtigste gezeigt und Mark Twain vor uns sich bei diesem Anblick schon auf ein „Bild von wunderbarer Schönheit“ festgelegt. Gleich danach allerdings fährt er gewohnt nüchtern fort: „Aber gehen Sie nicht in die Stadt hinein und schauen sich die Details an. Das nimmt dem Ganzen etwas von seiner Romantik.“

Am nächsten Tag parken wir am Hafen und laufen doch hinein. Tatsächlich ist ‚romantisch‘ nicht unbedingt das Wort, das mir hier zuerst in den Sinn käme, denn diese Stadt lebt. Mit allem, was dazugehört. Marktatmosphäre zuerst: Gemüse, Fisch, Fleisch, billige Kleidung, Enge, dazwischen knatternde Mopeds. Händler sitzen beieinander, man kennt sich, redet. Überall frische Zitronen oder Zitronensaft an kleinen Ständen. Dann, tief in der Altstadt, bunte Wandmalereien, es drängen sich Souvenirgeschäfte, viele spezialisiert auf bemalte Figuren in allen Größen, die eine Themenpalette von Politikern, Fußballspielern aller Clubs und Arten bis zu Schauspielern und Päpsten der vergangenen Jahrzehnte aufmachen. Der SSC Neapel hat in dieser Saison die Seria A gewonnen und hüllt die begeisterte Stadt in sein Hellblau. Und allenthalben an Hauswänden, auf Plakaten und Fahnen: Diego Maradona, noch als irdischer Spieler oder schon direkt als Fußballheiliger. Auf die merkwürdigste Weise spielt Religion in alle Lebensbereiche dieser Stadt. Man kann das entweder beklagen wie Mark Twain, der sich über „eine der erbärmlichsten religiösen Heucheleien“ empört, die man in Italien finden könne: Das sich angeblich einmal im Jahr zum Wohle Neapels verflüssigende Blut des Stadtheiligen San Gennaro. – Man kann sich aber auch in die Spanischen Quartiere setzen, einen Kaffee bestellen, den Menschen zuschauen und es mit Goethe halten: „Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.“ – Kein Wunder, dass er nicht zurück nach Weimar wollte.

Nach Capri wollte er aber auch nicht! Auf See von Süden her kam er der Insel zwar ganz nahe, – „die Formen der Felswände konnten wir durch den durchsichtigen bläulichen Dunst vollkommen unterscheiden“ – dabei zerschellte aber fast das Schiff, und der Reisende war froh, die gefährliche Felseninsel hinter sich zu lassen.

Unsere Gruppe hat die Insel noch vor sich. Den letzten Ausflug beginnen wir per Fußmarsch zum Fähranleger von Sorrent und finden uns nach halbstündiger Überfahrt an dem merkwürdigen Ort, von dem aus der römische Kaiser Tiberius sein Weltreich und der deutsche Industrielle Friedrich Alfred Krupp sein Firmenimperium gelenkt hat, einem Sehnsuchtsort künstlerischer Sinnlichkeit und prägnanten Geschäftssinns, aber auch einem Ort, an dem Kitsch und Kommerz nicht immer deutlich zweierlei sind.

Vom Hafen fährt eine Standseilbahn hinauf in die Stadt Capri. Jedes Restaurant, das auf sich hält, hat eine Fotowand mit prominenten Besuchern. Vorbei an Luxusboutiquen und Sternehotels führen blitzsaubere Wege zu den Gärten des Augustus, einem Blumenpark über steilen Klippen, vor denen im perfekten Azurblau des Meeres ein Pünktchenmuster aus Yachten liegt.

Wer möchte, kann mit der Seilbahn von der Schwesterstadt Anacapri noch weiter nach oben auf den fast 600 m hohen Gipfel der Insel. Der Ausblick von hier ist erhaben: Direkt vor uns die Halbinsel von Sorrent und in zwei riesigen Bögen nördlich und südlich davon spannen sich der Golf von Neapel mit seinen Inseln links und die Amalfiküste rechts. Das Panorama beherrscht der Vesuv wie ein Zen-trum nicht nur räumlicher Art. Seinem fatalen Ausbruch damals fiel Plinius, ein römischer Wissenschaftler und Schriftsteller zum Opfer, der die Natur und Geographie seines Landes erforscht und beschrieben hatte. Über Kampanien urteilt er überaus poetisch und, wie ich finde, ungemein liebenswürdig: „So glücklich, anmutig, selig sind jene Gegenden, dass man erkennt, an diesem Ort habe die Natur sich ihres Werks erfreut.“ –

Die meisten aus unserer Gruppe würden ihr Fazit sicher ganz anders formulieren als der alte Römer. In den Tagen hier hatten alle Gelegenheit, sich die besuchten Orte selbst zu erlaufen und eigene Bilder und Ansichten des Landes zu sammeln. Abends, nach den Ausflügen, saß man auf wackligen Stühlen noch lange unter den Olivenbäumen und redete. Es wurde erstaunlich viel miteinander gespielt, man begegnete – wenn auch nicht nur harmonisch – den anderen Besuchergruppen, und der Badeplatz war nicht weit. Am Abend vor der Abreise gab es am langen Tisch Pizza für alle, und wieder wurde es auf angenehme Weise spät.

Aber ob nun Neapel oder Capri besser gefallen hat – diese Umfrage müsste noch gemacht werden.