Von Drachen, Irrlichtern und einem leuchtenden Buch – Vorhang auf für den Theaterclub der RFS

Am Anfang ist ein Höllenlärm. Wie im Fußballstadion pfeift, johlt und saust das bis auf den letzten Platz gefüllte Stuttgarter Schauspielhaus. Eben wurde der Saal dunkel und viele im jungen Publikum wissen nicht wohin mit ihrer Spannung. Aus den Tiefen der Bühne klettert eine Gestalt im Hoodie durch Metallgestelle hindurch hektisch nach vorn. Auf einmal ist es vollkommen still. Der Junge lässt seinen Schulrucksack fallen, atmet tief durch und wird von grellem Scheinwerferlicht eingefangen. Wie aus dem Boden gewachsen steht jetzt ein kahlköpfiger Theatersouffleur im schwarzen Umhang neben ihm und raunzt ihn unfreundlich an. Unter dem Arm trägt er ein dickes, geheimnisvoll leuchtendes Buch und lässt, nach kurzem Gespräch, seinen jugendlichen Besucher damit allein – nicht ohne ihm strikt zu verbieten, es auch nur anzurühren... –

Eine halbe Stunde vorher hatte sich eine Gruppe aus knapp zwanzig Schülerinnen und Schülern des Wirtschaftsgymnasiums im Schlossgarten mit Frau Benditt und Herrn Müller getroffen. Voilà: Der Theaterclub der Robert-Franck-Schule. Heute hat er Premiere mit einer Schulveranstaltung der „Unendlichen Geschichte“. In Zukunft wollen wir mehrmals im Jahr Aufführungen besuchen, Spaß am Zuschauen haben und miteinander ins Gespräch kommen. Ein paar skeptische Blicke hatte es an diesem Morgen schon gegeben angesichts der Scharen aufgekratzter Grundschüler, die in Zweierreihen aus allen Richtungen herangezogen kamen und vor uns im Theater verschwanden. Aber was die Kleinen begeistert, muss die Großen ja nicht unterfordern. Auf also nach Phantásien! –

Bastian Balthasar Bux, der Junge auf der Bühne, ist inzwischen völlig gebannt von dem magischen Buch, das er natürlich sofort zur Hand genommen und aufgeschlagen hat. Nun sitzt er im leeren Raum, den Rucksack neben sich, und liest. Und das Buch wird zur Bühne, aus den Wörtern wachsen Kulissen, Figuren, eine Geschichte: Phantásien, das Reich der Kindlichen Kaiserin, und sie selbst sind in Gefahr. Von überall her kommen Boten zu ihr und rufen um Hilfe gegen ihre drohende Vernichtung: das Irrlicht, die zarte Rennschnecke, ein schmerbäuchiger Felsenbeißer. Die Kindliche Kaiserin schwebt empor, von unsichtbaren Drähten gezogen, und die segelgroße Schleppe ihres Kleides verwandelt sich unter ihr zum Elfenbeinturm. Jetzt erscheint der schlangenmähnige Held Atréju und stürzt sich in den Wettlauf gegen das alles verschlingende Nichts: Stumpfsinn, Langeweile und Phantasielosigkeit sind es, die das Traumreich bedrohen. Reich und Kaiserin können nur gerettet werden, wenn sich die Welten verbinden und Bastians graue Wirklichkeit Farbe bekommt, Phantásien in sich aufnimmt und ihm neue Namen und Geschichten gibt.

Auf der Bühne entfaltet sich während dieser guten Stunde ein Feuerwerk aus Farben, Lichtern und Kostümen. Die uralte Morla, ein weises Orakel, dessen Rat gebraucht wird, ist ein wabernder Stoffballon, auf den bunte Formen projiziert werden. Die Schauspielerin steht im Kopf des Untiers und bewegt dessen zahnlose Kiefer. Der sonnige Glücksdrache Fuchur wischt über die Bühne, ein Federbusch aus guter Laune, und rettet mehr als einmal Atréjus Himmelfahrtskommando. Und über allem verwandelt sich der Zuschauerraum wieder und wieder in ein funkelndes Sternenzelt.

Natürlich geht es am Ende gut aus und der hungrige Werwolf Gmork muss ins Leere schnappen. Aber banal ist die Geschichte trotzdem nicht. Bastian steht schließlich wieder dem granteligen Theatersouffleur gegenüber. Der will sich auf einmal nicht mehr an das magische Buch erinnern, aus dem für Bastian die Geschichte wuchs. Denn diese Geschichte konnte sich so nur für diesen Leser abspielen. Jede und jeder andere kann und muss sie anders erleben und die eigene Welt immer wieder neu zum eigenen Phantásien machen. Wenn das geschieht, sind Stumpfsinn und Langeweile gebannt. –

Nach der Vorstellung sitzen die Lehrer in der Theaterkantine. Auch die Kindliche Kaiserin braucht offenbar einen Kaffee und kommt herüber zum Automaten. An ihrem Tisch nimmt gerade der Werwolf Platz, auch Atréju, abgeschminkt, kommt um die Ecke. Sie mag diese Schulvorstellungen besonders, sagt Schauspielerin Josephine Köhler: „Die Kinder geben Energie, sie reagieren sofort.“ Die gute Stimmung hatten auch unsere Schülerinnen und Schüler gelobt: „Spannend.“ „Hat sich gelohnt.“ „Tolle Kostüme!“ Und ganz nebenbei hatte einer die gemeinsame Idee der „Unendlichen Geschichte“ und unseres neuen Theaterclubs treffend auf den Punkt gebracht: „Kann man wieder machen.“