Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass London auf keiner bucket list fehlen darf. Man muss einfach dort gewesen sein! Oder etwa nicht? – Die RFS pflegt die gute Tradition, das listing regelmäßig kritisch vor Ort zu überprüfen. Auch das aktuelle Fazit kann daher wieder nur vorläufig bleiben: Wir haben jede Menge gute Argumente für einen vorderen Listenplatz gefunden. Und außerdem: Auch das Umland der Metropole verdient es, bei der Bucket-Listenführung berücksichtigt zu werden.
Aber der Reihe nach: Die England-Kulturreise des Wirtschaftsgymnasiums startet immer im März, dieses Jahr mit einer gemischten Gruppe aus Schülerinnen und Schülern der drei Eingangsklassen, begleitet von Frau Frank, Herrn Höge und Herrn Müller. Sie beginnt in den small hours des Reisemontags und der Bus an der Schul-Haltestelle füllt sich schnell mit den knapp 40 angemeldeten Passagieren. Ihre Augen sind ähnlich klein wie die Stunden, aber jeder und jede muss noch die elektronische Einreiseerlaubnis der britischen Regierung vorweisen, bevor die Fahrt losgehen kann. Im Königreich nennt man diese Bürokratie red tape, und seit dem Brexit hat sie nicht ab-, sondern eindeutig zugenommen. (Einige Stunden später, wir nähern uns mittlerweile Calais, werden die Lehrer noch die Passdetails aller Mitreisenden von Hand in die Passagier-App des Fährunternehmens eingeben, damit nur ja allen berechtigten Sicherheitsinteressen Genüge getan ist.)
Hat man die Grenzformalitäten absolviert, den Beamten tief in die Augen geschaut und mit der Fähre die berühmten Kreidefelsen von Dover erreicht, führen alle großen Straßen nach Nordwesten, auf London zu. Unser Weg knickt kurz vorher nach Rochester ab, einem malerischen Flecken mit Kathedrale und Castle, in dem das Flüsschen Medway die Themsemündung erreicht. Dinge, die sich bewährt haben, sollte man nicht ändern: Seit dem Fahrerwechsel in der Pfalz sitzt ein guter Bekannter hinter dem Lenkrad – Sven, unser Busfahrer aus dem letzten Jahr, steuert uns auch dieses Mal wieder mit Gelassenheit und trockenem Berliner Humor durch alle Fährnisse und Engstellen des Linksverkehrs. Wir erreichen Rochester am späten Nachmittag. Zeit für einen kurzen Eindruck von der Stadt. Nach der ersten Vorstellung und Zuteilung ist der Pick-up durch die Gastfamilien dann ein schnelles Abendritual: Die Autos fädeln sich in die enge Bushaltestelle, halten verbotenerweise und sind einen Moment später, mit den passenden Insassen bestückt, schon wieder verschwunden. Anne, unsere englische Organisatorin und Ansprechpartnerin, führt derweil mit Klemmbrett und klarer Ansage ein effizientes Regime. Auch bei Problemen ist sie immer ansprechbar und hilft bereitwillig.
Der Drop-off morgens funktioniert ebenso reibungslos, denn die Gastfamilien müssen pünktlich zur Arbeit oder Schule. Unser erster Ausflug führt uns nach Canterbury, im Mittelalter absolute Königsklasse unter den heiligen Orten und bis heute ein Besucherhotspot (bucket list!). Ihren Ruhm und Reichtum verdankt die Stadt einem Mord: Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury und oberster englischer Geistlicher geriet in Streit mit seinem König und wurde von dessen Gefolgsmännern in der Kathedrale ermordet. Sein Schrein ergab das perfekte Pilgerziel. Noch immer malen die Fremdenführer gern die grausigen Details der Meucheltat aus, die sich sogar direkt in der Architektur des Gotteshauses abbilden: Der baulich abgesetzte Ostabschluss, die sogenannte Corona, ist steingewordenes Sinnbild für die abgeschlagene Schädeldecke des Heiligen Thomas.
Unsere walking tour geht um die Kathedrale herum auf das Gelände der noblen King’s School, der ältesten Schule Englands. Überall sind Polizisten damit beschäftigt, Gullys und unterirdische Rohrleitungen zu untersuchen. Seit dem gunpowder plot von Guy Fawkes und seinen Spießgesellen ist man hierzulande vor großen Ereignissen besonders misstrauisch gegenüber allem, was im Untergrund versteckt sein könnte. Das Ereignis: Eine Woche nach unserem Besuch wird in der Kathedrale die Einsetzung der neuen Erzbischöfin von Canterbury stattfinden, der ersten Frau an der Spitze der anglikanischen Weltkirche. Der konservative Widerstand gegen sie nimmt schon Fahrt auf, die Polizei hat also gute Gründe für ihr Tun.
Eine Stunde lang werden wir kreuz und quer durch die Geschichte dieser Stadt geführt, deren lange Vergangenheit in der Tiefe bis zu römischen Schichten hinunterreicht, lange vor den Pulververschwörern. Unmittelbar vor ihnen lebte Christopher Marlowe, den uns die Stadtführerin besonders ans Herz legt. Zeitgenosse und künstlerischer Rivale Shakespeares, geboren und aufgewachsen in Canterbury, brachte er die deutsche Figur des Faust auf die englische Bühne, führte ein wildes Leben und fand sein frühes Ende in einem pub brawl, vermutlich als Spion der ersten Königin Elisabeth.
Canterbury ist ein Wohlfühlort. Seit Thomas’ Tod vor über 850 Jahren hat sich die Stadt darin geübt, Besucher zu empfangen und eine perfekte Infrastruktur dafür herausgebildet. Wer hier nichts für sich findet, ist selbst schuld. Beim Bummel durch die Gassen und Wege begegnet man auf Schritt und Tritt Mitreisenden, die den malerischen Ort und das vorfrühlingshafte Wetter genießen.
Die Pilgerstadt bildet einen der östlichsten Knotenpunkte im Siedlungssnetz Englands, dessen Feilspäne sich minutiös auf den übergroßen Magneten London ausrichten. Vor allem die Südküste ist in kurzen Abständen mit weiteren solcher Knoten gesäumt, allesamt alte Seefahrerstädte mit klangvollen Namen. Wir fahren nach Portsmouth, das sich selbst the great waterfront city nennt. Wenn der Markenkern Canterburys im heiligen Thomas und den sensationslüsternen Pilgern liegt, dann haben für Portsmouth Schiffe einen vergleichbaren Stellenwert. In der Meerenge des Solent, gleich vor der Stadt, finden traditionsreiche Segelregatten statt, wenige Meilen entfernt zeichnet sich im Dunst des Ärmelkanals die legendäre Isle of Wight ab. Wie ein überdimensionierter Karten-Pin markiert der futuristische Aussichtsturm Spinnaker Tower die Küstenlinie der Stadt. Unser Ziel liegt gleich nebenan: der historic dockyard, eine riesige Werft- und Hafenanlage, die nicht nur Museum, sondern zu großen Teilen weiterhin aktiv ist. Ausgestellt sind hier Schiffe aus den letzten fünf Jahrhunderten, vom Großsegler bis zum Weltkriegsschiff. Eine eigene Halle wurde für die Mary Rose errichtet, einem Lieblingsschiff des Ladykillers Heinrich VIII., deren gut erhaltenes Wrack erst in den 1982 aus dem Schlickboden des Solent geborgen und aufwändig konserviert wurde. Noch wichtiger für den englischen Nationalstolz ist die HMS Victory, auf der Admiral Nelson die legendäre Seeschlacht von Trafalgar gegen Napoleons Truppen befehligte und dabei getötet wurde. Zum würdigen Gedenken ist die Stelle an Deck mit einer blankgeputzten Messingtafel bezeichnet. Auf einer Hafenrundfahrt kommen wir auch modernen Marineschiffen, einem Flugzeugträger und den großen Fähren zu den Kanalinseln nahe. Als uns später der Bus an einer breiten Straße unweit der Altstadt aufnimmt, werden Einkaufstaschen verschiedenster Marken hineingetragen: Auch das Shoppingparadies zwischen den Hafenanlagen und der Aussichtsnadelist offenbar ein vitaler Teil des Stadterlebnisses.
Derart maritim eingestimmt, ist es nur angemessen, dass wir London am nächsten Tag über Greenwich erreichen. Durch den Greenwich Park laufen wir zum Royal Observatory, wo sich hinter Palastfronten an der Themseschleife das Panorama auf die großspurige Skyline von Canary Wharf öffnet, eingerahmt vom alten Greenwich und dem Stachelzelt des Millenium Dome. Ein paar Minuten Zugfahrt bringen uns zum London Dungeon, dem Erlebnis-Gruselkabinett englischer Geschichte. Was den Fremdenführern von Canterbury recht ist, ist den Folterknechten dieses Kerkers billig, und sie drehen ihre Schraube noch ein Stück weiter: Hier wird man selbst als Mitverschwörer von Guy Fawkes angeklagt, bekommt einen (sehr!) kurzen Prozess, dessen Urteil selbstverständlich sofort vollstreckbar ist. Glücklicherweise wollen aber auch die Übeltäter, Spione und Anklagebehörden späterer Jahrhunderte ihren Anteil am schreckhaften Besucherstrom, und so fluten wir durch die Zeiten, vorbei an Pestkranken, finsteren Elendsgestalten, betrügerischen Geschäftemachern und heimtückischen Mördern. Für die Dauer eines Wetterblitzes steht kein Geringerer als Jack the Ripper selbst im Raum.
London nimmt kein Ende. Einzelne Gruppen erwandern sich die Stadt auf eigenen Wegen, und mancher sammelt Eindrücke von den klassischen Sehenswürdigkeiten Buckingham Palace, Horse Guards und Trafalgar Square (Nelson lässt grüßen!). Jemand besucht Verwandte in der Stadt, andere tauchen in das faszinierende Ladengewirr des Camden Market im Norden der Stadt ein, lassen sich mit kostenlosen Appetithappen durchfüttern oder stöbern irgendwo endlos durch Geschäfte. Die Lehrer besuchen die wiedererrichtete Shakespearebühne Globe und schwelgen in Theaterträumen.
Abschied von den Gastfamilien hatten wir schon am Morgen genommen. Von beiden Seiten gibt es viel Lob für das gelungene Miteinander, auch was die Sprache betrifft. Man hat miteinander gegessen, geredet, Fußball geschaut und ein paar Tage Leben geteilt. Am Abend gibt es einen gemeinsamen Restaurantbesuch im Hard Rock Café am engelsbekrönten Piccadilly Circus, bevor sich die Gruppe in der O2-Cineworld in Greenwich auf zwei Kinofilme verteilt. Der Bus sammelt uns spät am Abend ein, und wieder sind die Augen klein. Kein schlechter Start in die nächtliche Rückfahrt.
So vieles bleibt offen, dass man zögert, schon den Haken auf der persönlichen bucket list zu setzen. Außer Frage steht aber wohl das (oder die) London-Kästchen – weit oben auf der Liste.












