Es sieht aus wie ein Fächer, der auf einem langgezogenen Stiel sitzt. Seine breit ausgespannte Fläche hat verschieden tiefe, völlig gerade Falten, und ein scharfer Einschnitt genau in der Mitte lässt an ein Paar Flügel denken: das Blatt des Ginkgobaums. Wegen seiner Schönheit und Lebenskraft wird dieser Baum in Asien tief verehrt. Nachdem 1945 die Atombombe in der japanischen Stadt Hiroshima fast alles Leben ausgelöscht hatte, war der Ginkgo die erste Pflanze, die wieder Blätter trieb und den Menschen Hoffnung auf einen Neuanfang machte.
Bereits seit mehr als dreißig Jahren trägt die Tour Ginkgo unter diesem Zeichen Spenden für schwerkranke Kinder und ihre Familien zusammen. Dutzende Radfahrer in gelben Trikots rollen jeden Sommer gemeinsam durch die Lande und machen Station bei Schulen, Kultureinrichtungen, Unternehmen und Rathäusern, die zuvor für den guten Zweck Geld gesammelt haben. 2026 sind die Radler wieder im Landkreis Ludwigsburg unterwegs und unterstützen den Verein Aufwind e.V. – Bunter Kreis Ludwigsburg. Er begleitet frühgeborene sowie schwer und chronisch kranke Kinder und Jugendliche mit ihren Familien und verschafft ihnen mit gezielter sozialmedizinischer Nachsorge Sicherheit und Stabilität in einer besonders belastenden Lebenssituation.
Der Morgen ist noch jung, aber die Sonne hat schon Kraft. Ungefähr jetzt würde die erste Unterrichtsstunde anfangen; stattdessen fährt ein Peloton aus etwa hundert Radfahrern vor der Robert-Franck-Schule auf, empfangen von einem Spalier aus Schülerinnen und Schülern. Auch ein Überraschungsgast ist zu dieser ersten Station der Tour 2026 gekommen und freut sich sichtlich über die rollenden Spendensammler: Landrat Dietmar Allgaier begleitet die Veranstaltung bereits zum zweiten Mal als Schirmherr und drückt die Daumen dafür, dass das gute Ergebnis der vorigen Ludwigsburger Landkreistour sich noch steigert. Neben ihm begrüßen Schulleiter Steffen Benz und Christiane Eichenhofer vor weit geöffneten Schultüren alle Sportler und Gäste aufs Herzlichste. Die Christiane Eichenhofer-Stiftung hat die Tour Ginkgo 1992 ins Leben gerufen und veranstaltet sie seither jedes Jahr. Ihre Initiatorin war als Kind selbst schwer an Krebs erkrankt und konnte die Krankheit unter glücklichen Umständen besiegen. Heute ist Christiane Eichenhofer eine engagierte und im Geschäftsleben erfolgreiche Frau und Mutter von zwei Kindern. Mit dem unermüdlichen Einsatz für ihr Herzensprojekt möchte sie ein wenig von der damals erfahrenen Hilfe zurückgeben und auf die besonderen Bedürfnisse und Probleme schwerstkranker Kinder und ihrer Familien aufmerksam machen.
Über Monate hinweg haben sich Verbindungslehrer Bilal Chaudhry und die SMV der Robert-Franck-Schule von diesem Projekt begeistern lassen. In ihren Ferien besuchten mehr als ein Dutzend Schülerinnen und Schüler mit Freitickets die MHP-Riesen in der Ludwigsburger Arena und sammelten dort Pfand- und Geldspenden ein. In der Schule wurden Ginkgo-Bäume verkauft und das Kollegium zu Spenden aufgerufen. Auch der Erlös einer RFS-Glücksradaktion am schulweiten Tag der offenen Tür ging an den guten Zweck. Das Ergebnis all dieser engagierten Arbeit, einen saftigen Spendenscheck, nehmen die gelben Engel auf Rädern gleich mit, als sie nun wieder eilig vom Schulgelände fegen. In den kommenden drei Tagen liegen noch 24 weitere Stationen und ein paar Hundert Kilometer Strecke kreuz und quer durch den Landkreis vor ihnen.
Während die Klassen wieder ins Schulhaus strömen, steht ein eingetopftes Ginkgo-Bäumchen neben dem Haupteingang – voll mit grünen, ebenso schönen wie lebenskräftigen Blättern. Schon ein viel früherer Naturbeobachter, der Weimarer Geheimrat Goethe, stand gedankenversunken vor der zwiespältigen Form dieser Blätter. Als zwei in einem und eines in zweien, geteilt und doch vereint, erblickte er im Ginkgoblatt ein tiefes Symbol für Freundschaft und menschliche Verbundenheit. Indem sie Menschen für andere und mit anderen zusammen auf den Weg und in Bewegung bringt, macht die Tour Ginkgo diesem Sinnbild auch heute noch alle Ehre.









