Mechanik des Todes: „Die Ermittlung“ im Rathaus Stuttgart

Akkurat im Halbkreis angeordnet, alle gleich lang und breit, liegen die Typenhebel einer Schreibmaschine in ihrem Gehäuse. Wird eine Taste betätigt, schnellt einer von ihnen nach oben und drückt, durch das Farbband hindurch, den jeweiligen Buchstaben aufs Papier. Fliegen viele Typen schnell hintereinander hoch, entsteht das trockene, hämmernde Geräusch, das über lange Zeit die beherrschende Musik der Büros und Schreibstuben dieser Welt war.

Eine Schreibmaschine schreibt Zwischenüberschriften an die Wand des Großen Sitzungssaals im Stuttgarter Rathaus. Immer wieder unterbrechen sie den Ablauf dieses ungewöhnlichen Theaterabends, den das Schauspiel Stuttgart an ungewöhnlichem Ort veranstaltet. Eine Gruppe der Robert-Franck-Schule mit Lehrerin Melanie Weigelt ist dabei. Die Schülerinnen und Schüler haben im vergangenen Herbst das Konzentrationslager Auschwitz besucht und konfrontieren sich nun noch einmal auf ganz andere Art mit dem Grauen dieses Ortes: „Die Ermittlung“ ist ein dokumentarisches Theaterstück des deutsch-schwedischen Autors Peter Weiss, das die Verbrechen von Auschwitz in Form eines Gerichtsprozesses verhandelt. Hier sitzen in wechselnden Konstellationen auf der einen Seite die Angeklagten, ihnen gegenüber eine Bank von Zeugen, in der Mitte unverändert die Vorsitzende Richterin, flankiert von einer Verteidigerin und einem Staatsanwalt. Sie alle kommen zu Wort.

‚Gesang von der Rampe‘, ‚Gesang von den Feueröfen‘ oder auch ‚Gesang von der Möglichkeit des Überlebens‘: Es sind keine harmonischen Wohlklänge, die den Schreibmaschinenüberschriften folgen. Peter Weiss hatte zwischen 1963 und 1965 den Frankfurter Auschwitz-Prozess beobachtet und bezieht den Text seines Stückes aus den Akten und Protokollen dieser Verhandlungen. Angeklagt waren damals 22 Mitglieder des Lagerpersonals, geladen 359 Zeugen. „Die Ermittlung“ kürzt, verdichtet und arrangiert den originalen Wortlaut all ihrer Aussagen und schafft dabei ein authentisches Sprachkunstwerk, das gleichermaßen verstört und aufwühlt: auf der einen Seite banales Ablenkungsgeschwätz, verlogen dreiste Unschuldsbehauptungen, larmoyantes Winseln, gespielt rechtschaffene Empörung und geheucheltes Mitgefühl; demgegenüber manch hilflose Versuche, das Geschehene im Reden und Berichten zu bannen und zu überwinden, unermesslicher Schmerz, Schwäche und Scham, aber auch der feste Wille und die Verpflichtung, eine Wahrheit auszusprechen, die oft kaum erträglich ist. Etwa wenn die namenlose Zeugin 7 detailliert beschreibt, was in der Gaskammer geschah, nachdem ein Pfund Zyklon B in bläulich-weißen Brocken hineingerieselt war. Hier sind die Worte eines Menschen zu hören, der durch ein gläsernes Guckloch hindurch selbst dabei zugesehen hat.

Es ist das Mechanische, Trocken-Sachliche vieler Aussagen, das dem Zuschauer die Kehle zuschnürt und die Worte verschlägt. Die Schreibmaschine aber dokumentiert alles Gesprochene; sie klappert immer weiter, ungeachtet dessen, was sich da auf dem Papier zusammenformt. Kraft und Größe dieses Theaterabends ergeben sich aus dem unfassbaren Kontrast zwischen jener buchhalterischen Banalität des Bösen und der gewaltigen Dimension seiner Verbrechen. Das „Oratorium in 11 Gesängen“, so der Untertitel des Stücks, ist mit einer Schreibmaschine überaus sinnreich instrumentiert.

Das Schlusswort des Abends gibt Peter Weiss dem Angeklagten 1, Robert Mulka. Er war in Auschwitz Adjutant des Lagerkommandanten Höß: „Heute/ da unsere Nation sich wieder/ zu einer führenden Stellung/ emporgearbeitet hat/ sollten wir uns mit anderen Dingen befassen/ als mit Vorwürfen/ die längst als verjährt/ angesehen werden müßten“. Danach, als Ende: Laute Zustimmung von Seiten der Angeklagten.

Ähnliches hört man auch heute immer noch und wieder neu. Halblaut sagt jemand auf dem Weg nach draußen: „Wie macht mich das wütend und traurig.“ Wir sind nicht fertig.