Im Schnittpunkt von Kulturen – Studienfahrt nach Pula

Badestrand in Pula

Römische Arena

Altstadt Rovinj

Augustustempel am Marktplatz von Pula

Die Srebreno

Diese Vielfalt lässt sich kaum auf einen Nenner bringen: Man steht an der Adria, hört Italienisch, und außer Ćevapčići gibt es überall Pizza und Pasta. Aber dies ist nicht Italien. Vor hundertfünfzig Jahren lag genau hier an der Küste der größte Kriegshafen Österreichs. Heute sprechen nur noch die Touristen Deutsch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Land Teil eines sozialistischen Vielvölkerstaats, der graue Betonplattenbauten neben römische Tempel und die königlich-kaiserlichen Herrschaftsvillen setzte, ehe er unter Schmerzen wieder zerfiel. – Alles hat seine Zeit. Hier war viel Zeit. Archäologische Funde beweisen, dass, lange bevor in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden, die Menschen in dieser Gegend schon Zahnfüllungen (übrigens aus Bienenwachs) herstellten. Die frühesten in Europa.

Wir sind in Kroatien. Die Klassen 12/1, 12/4 und 12/5 des Wirtschaftsgymnasiums der Robert-Franck-Schule und ihre Klassenlehrkräfte wollen in dieser Woche eine gute Zeit haben, das Land genießen und vielleicht eine Idee davon bekommen, was es besonders macht. Das tut jede und jeder auf eigene Weise. Herr Bader etwa scheint in seinen Fünfern noch deutlich andere als nur mathematische Fähigkeiten zu fördern, denn die Ausreißergruppe, die sich mit ihm gleich am ersten Tag in aller Frühe auf einen 15 km langen Wanderweg rund um Pula macht, besteht fast vollständig aus dieser Klasse. Es geht vorbei an Hafenanlagen, einer verlassenen Festung, langen Stränden und Ferienanlagen, über Stock und Stein, durch waldige Küstenabschnitte und an Felsklippen entlang. Für kurze Zeit grummeln Gewitter, aber wir finden Unterstand in einem Café und können später in strahlendem Sonnenschein noch eine Badepause am makellosen Kiesstrand mit türkisfarbenem Wasser einlegen. Ein Idyll wie aus dem Reiseprospekt!

Am Nachmittag gibt es einen Stadtrundgang für alle. Wir treffen unsere Guides Marina und Dean am Eingang des römischen Amphitheaters gleich neben dem Hafen von Pula. Die Kulisse macht das antike Spektakel von Brot und Spielen umso präsenter. Jetzt wird klar, warum in dem Wort ‚Arena‘ auch die Bedeutung ‚Sand‘ steckt: es ist derjenige Untergrund, der am besten das Blut der Gladiatorenkämpfer und wilden Tiere aufnehmen konnte. Von dieser Arena waren die Venezianer, Jahrhunderte später Herren der Stadt, so begeistert, dass sie sie Stück für Stück abbauen und nach Venedig verschiffen wollten. Bis heute verehrt Pula den Mann, der diesen Plan gerade noch rechtzeitig kassierte – und feiert seine Feste und Konzerte weiterhin im Steinoval am alten Ort.

Gekämpft und gefeiert wurde in der Antike außerhalb der Stadt. Von der Arena sind es nur wenige Meter bis zum nächsten Stadttor. Ein paar der ursprünglich zehn Tore stehen immer noch rund um die Altstadt herum. Das prächtigste von ihnen ist zugleich ein beschrifteter Triumphbogen für die Familie der Sergier, die gleichzeitig drei ihrer Männer in der Schlacht des späteren Kaisers Augustus gegen Antonius und Kleopatra verlor. Das war vor über zweitausend Jahren.

Wir laufen weiter, hinein in die Shoppingmeile quer durch den Stadtkern, hinüber zum römischen Forum, dessen Tempelfassaden auch heute noch den Marktplatz umstehen. Die Tourführerin weiß sich Gehör zu verschaffen, resolut wie ihre Stadt. Obwohl mit knapp 60.000 Einwohnern nicht besonders groß, ist Pula mit Bars, Clubs und Kunstaktionen ein bunter Punkt auf der Landkarte: quirliges Zentrum der Kulturszene und ein echter Besuchermagnet. Die Zahl der Restaurants geht wohl in die Hunderte. Für ein gemeinsames Abendessen hat sich jede der drei Klassen mit ihrem Klassenlehrerteam ein anderes ausgesucht. Gespräche im kleineren Kreis haben eben auch ihren Charme.

Der nächste Tag führt uns weiter hinaus. Wieder begleitet von Dean fährt der Bus in den Norden der Halbinsel Istrien, zunächst nach Poreč: eine strahlend weiße Küstenstadt mit langer Hafenpromenade, die im Zentrum noch immer das römische Straßenmuster und auf ein paar Metern sogar das uralte Pflaster bewahrt. Berühmt ist sie für die strenge Euphrasius-Basilika mit ihren goldenen Mosaiken aus dem 6. Jahrhundert – Weltkulturerbe der UNESCO.

Wir fahren weiter nach Rovinj, dessen Altstadt bis vor zweihundert Jahren eine bergige Insel war und erst dann künstlich mit dem Festland verbunden wurde. Dean erzählt die Geschichte der heiligen Eufemija, deren wundertätige Gebeine in einem Sarkophag angespült wurden und nur von einem Kind aus dem Wasser gezogen werden konnten. Als drehbare Kupferskulptur steht sie nun auf dem Glockenturm ihrer Kirche am höchsten Punkt der Stadt und weist den Fischern auf See die Windrichtung. Den Weg hinunter zur Badestelle am Fuße des Altstadthügels finden wir allein. Zwischen zerklüfteten Felsen reichen Leitern ins Wasser hinab und bald planscht und spritzt die ganze Gruppe. Als nach dem Bad der Ruf eines exzellenten Burgerrestaurants in einer der glattgetretenen Altstadtgassen die Runde macht, ist die Stimmung vor der Heimfahrt gerettet. Zur Not lässt sich auch später im Supermarkt hinter dem Hostel noch Daseinsvorsorge für den Abend und die Nacht betreiben. Und die Dachterrasse über dem vierten Stock bietet einen entspannten Ort mit Sonnenschutz und kühler Brise zum Reden, Sitzen und Spielen – leider nur bis 23 Uhr.

Unser letzter Urlaubstag spielt sich am, auf und im Wasser ab. Die Srebreno, ein hölzerner Einmaster mit Steuerkajüte im Heck und beschatteten Sitzbänken auf dem Vorderdeck erwartet uns im Hafen von Pula. Durch die Bucht tuckert sie hinaus zu den Brijuni, einer Inselgruppe wenige Kilometer vor der Küste. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts machten Malariamücken ihre dauerhafte Besiedlung unmöglich, bevor man die lästigen Überträger gezielt ausrottete und auf den reizvollen Inseln mondäne Kurhotels errichtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte der jugoslawische Staatschef Tito den Archipel zu seiner exklusiven Residenz und empfing hier Staatsgäste und Hollywoodstars. Die gewöhnliche Bevölkerung blieb ausgesperrt.

Das Boot setzt uns auf St. Jerolim an Land. Es ist Vormittag und abgesehen von einem Dutzend majestätisch umherschreitender Pfauen wirkt das Inselchen beinahe verlassen. Vom Anleger führt ein Trampelpfad auf die Südseite zum Inbild einer Badestelle: das Wasser spielt in allen Blautönen vor zackigen Felsen und mediterraner Pinienkulisse. Bis zur Rückkehr des Bootes bleibt noch einmal Zeit für ein ausgedehntes Badevergnügen, während sich der kleine Strand mehr und mehr mit den Handtüchern neu eintreffender Bootsausflügler füllt. Das Mittagessen wird uns wieder an Bord serviert, und nach einem kurzen Rundgang durch den Küstenflecken Fažana mit Bootsanleger, cafégesäumtem Kirchplatz und den unvermeidlichen Tourishops fahren wir zurück nach Pula.

Ein paar Schlaglichter zum Schluss? – 48 Schülerinnen und Schüler und sechs Lehrerinnen und Lehrer waren fünf Tage lang gemeinsam in Istrien unterwegs. Eine Person machte beim Baden nähere Bekanntschaft mit einem Seeigel, es gab mehrere unspezifische und einen Scheitelsonnenbrand, einzelne Wanderblasen an untrainierten Füßen und eine verschmorte Herdplatte, deren Hohlform, eingeprägt in eine Reisetasche, mit zurück nach Ludwigsburg fuhr. Die Umsätze des Studenac Market in der Ul. Dinka Vitezića 6, 52100 Pula dürften in diesen Tagen einen spürbaren Ausschlag nach oben erlebt haben, und der Beamte an der Grenze bei Salzburg sah, warum auch immer, von der Passkontrolle ab, als er hörte, dass nicht zwei, sondern drei Klassen an Bord waren. Am wichtigsten aber: Wir Reisenden hatten eine sehr gute Zeit miteinander, konnten das Land genießen und definitiv eine Idee davon bekommen, was es besonders macht. Das ist dann doch ein schöner gemeinsamer Nenner!