Wie findet man etwas wieder, das man verloren hat? Wenn es wertvoll war, lohnt sich wohl meistens die Suche danach. Manches Verlorene aber erscheint als so unwiederbringlich, dass das Suchen unsinnig ist, weil es keine Hoffnung auf ein Wiederfinden gibt: vergangenes Glück, zerstörte Gefühle, entfremdete Menschen. In Fred Uhlmans Erzählung „Der wiedergefundene Freund“ geschieht jedoch, ohne Suche und gegen jede Wahrscheinlichkeit, das Wunder eines unverhofften Wiederfindens, einer höchst sonderbaren Übereinkunft – kunstvollerweise erst im allerletzten Wort des Textes.
Lokstoff, das Theater im öffentlichen Raum, führt die Erzählung in der Stadtbibliothek Stuttgart auf, und die Klasse WG11/1 mit ihrer Klassenlehrerin Elisa Frank ist dabei. Der gewaltige, sonst leere Kubus im Innern des Gebäudes ist zur Hälfte bestuhlt, in einer Ecke sitzt ein Cellist. Zwei Schauspieler erscheinen in den Fensternischen hoch oben in der Wand und lesen den Anfang der Geschichte szenisch. Es erzählt der jüdische Arztsohn Hans, der zu Beginn des Jahres 1932 ein illustres Stuttgarter Gymnasium besucht. Tief berührt von der Eleganz und Würde seines neu in die Klasse gekommenen Mitschülers Konradin, wirbt er um die Freundschaft des goldhaarigen Adelssprosses.
Die Stimmen der Sprecher zeichnen das muffige Klassenzimmer, gleichzeitig werden bewegte Frühlingsbilder auf die Wand projiziert: Zwei junge Männer im Schlossgarten, dann stumme Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Stuttgart der 1930er Jahre, Stiftskirche, Tagblattturm und Hauptbahnhof, Transparente in Frakturschrift und überall Menschen mit den ruckartigen Bewegungen alter Filme. Jetzt begegnen sich die beiden Männer in der Totale, laufen aneinander vorbei, wieder überblendet von Bildern der Stadt: Rosensteinmuseum, Magnolien in der Wilhelma, Menschenauflauf beim Frühlingsfest, einige Hakenkreuzarmbinden. Schnitt.
Das Cello begleitet die Beschreibung Konradins mit einer gedehnten, sinnenden Melodie. Im Film erscheint einer der Männer allein auf einer Bank im menschenleeren Schlosspark, dann als Großaufnahme, im Hinterkopf die Schauspielerin, die aus der Fensternische seine Gedanken ausspricht. Die Männer treffen aufeinander, und über dem Beginn ihrer Freundschaft thront bedeutungsschwer die Statue der Schicksalsgöttin. Das Cello beschleunigt sich, und die Erzählstimmen sprechen unisono: „Von Stund an waren wir unzertrennlich.“
Damit verwandelt sich das Spiel. Die Figuren treten aus dem Film heraus in den Kubus und machen das Geschehen räumlich: In der Erzählung nimmt das frühlingshafte Land wie eine Figur am Wachsen der Freundschaft teil, die Filmprojektion zeigt nun Bilder des blühenden Killesbergs im NS-Feiergewand, und die beiden Männer übersetzen direkt vor dem Publikum Momente der Annäherung und Abstoßung zwischen Hans und Konradin in modernen Ausdruckstanz. Während die erbitterte Judenfeindschaft von Konradins Mutter im Text immer massiver zwischen die Knaben tritt, wechseln synchrone Bewegungsabläufe der Tänzer mit solchen, die sich komplementär ergänzen oder aggressiv konfrontieren. Wie Hochseilartisten kämpfen sie um ihr Gleichgewicht, greifen in alle Richtungen aus, stürzen und fangen sich wieder. Der Name Adolf Hitler, ausgesprochen von den Erzählern, zerreißt ihren Tanz und bringt das Cello für Momente zum Verstummen. Im Sprechtext fahren Enttäuschung und verletzter Stolz zwischen die Jungen, deren letztes Unisono nur noch das Schwinden ihrer Kindheit und Freundschaft vermeldet.
Hans beschreibt die antisemitischen Demütigungen in der Schule, und im Tanz erscheint Konradins Reaktion auf das Gesprochene: langsame, getragene Bewegungen, ausgreifend und wieder zu sich zurückkehrend. Bevor Hans ins amerikanische Exil geht, bekennt Konradin trotz aller Entfremdung: „Du hast mich denken gelehrt, denken und zweifeln“. Dieses Mal kommt die tänzerische Reaktion von Hans, der wie rasend durch den Raum läuft, um sich schlägt und sticht, von seinem Mantel gepeitscht.
Am Schluss sind nur noch die Stimme von Hans und der Tänzer des Konradin im Raum. Seit ihrer Trennung sind dreißig Jahre vergangen. Hans lebt in Amerika und erfährt durch einen Zufall vom Schicksal Konradins: „beteiligt am Attentat auf Hitler. Hingerichtet.“
Die Erzählung endet hier, und ihr Titel erklärt die Freunde wieder für vereint. Es ist aber der Tänzer Konradins, nicht Hans, der jetzt noch einen Moment vor dem Publikum stehenbleibt. – Die beiden mit- und gegeneinander tanzenden Figuren haben also von dem erzählt, was der Text nicht ausspricht. Hat etwa erst die Freundschaft mit Hans Konradin zum Widerstand gegen Hitler befähigt? Tanz und Musik sind mehr als nur illustrativer Kommentar der Erzählung, sondern können als dritte Dimension und eigenständige Bedeutungsspur auch die Leerstellen dessen füllen, was der Text zwischen der Trennung und dem ‚Wiederfinden‘ der Freunde unerzählt lässt.
Nicht alle Schülerinnen und Schüler überzeugt die Verbindung von Text und Tanz. Aber gerade von diesem vieldeutigen Zugang zu ihrem Gegenstand lebt die Aufführung. Und sie entfaltet besondere Aussagekraft dadurch, dass sie einen großen Teil des Weges auf so leichten Füßen zurücklegt!









