So sieht ein Schreckensort dieser Welt aus: das Torgebäude in Auschwitz-Birkenau. Schaut man es länger an, wirkt es fast wie ein Gesicht: der spitzbedachte Turm mit Ausguck, darunter links und rechts zwei Fensteraugen, ganz unten die gewölbte Toröffnung. Als breiter Riegel streckt der Backsteinbau seine Flügel nach beiden Seiten in die flache Landschaft, und das offene Maul unten im Turm saugt ein einzelnes Schienenpaar nach drinnen, zu dem sich der darauf zuführende Gleisfächer wie auf Befehl zusammenzieht.
Gedenkstätte
kalt, leer
flüstert leise
wie Schatten, die nicht gehen
wenn nur Erinnern nicht so
weh täte
Das Bild bleibt eine Ikone dieser Reise im November 2025. Sie ist ein Novum und entspringt dem Demokratieförderprojekt ‚Europaschule Baden-Württemberg‘, an dem die Robert-Franck-Schule seit diesem Jahr mitarbeitet. Eine gemischte Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Berufsschule und des Wirtschaftsgymnasiums, begleitet von den Lehrerinnen Elisa Frank und Melanie Weigelt, besucht nun Krakau und das nationalsozialistische Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Zwischen Renaissanceherrlichkeit, Stein gewordenem Handelsstolz der ehrwürdigen Königsstadt und dem Un-Ort des furchtbarsten Zivilisationsbruchs der Menschheitsgeschichte liegt nur eine Autostunde.
Es ist gut, dass Krakau am Anfang der Reise steht. Ein Stadtrundgang, gleich nach der Ankunft und etwas vom regnerischen Wetter beeinträchtigt, führt zu den touristischen Glanzpunkten. Oberhalb der Weichsel thronen das Wawel-Schloss und die Kathedrale mit den Gräbern der polnischen Könige. Einen Steinwurf entfernt liegt das gediegene bürgerliche Zentrum der Stadt mit dem Marktplatz, den Tuchhallen und der prachtvollen Marienkirche. Auch Krakaus alte Universität mit ihrem hübschen backsteinernen Hauptgebäude ist Teil des historischen Rundgangs. Die günstige Lage und ihr Reichtum machten die Hansestadt jahrhundertelang immer wieder zu einer begehrten Beute benachbarter Großmächte. Noch Hitlers Statthalter im sogenannten ‚Generalgouvernement‘, Hans Frank, wegen seiner Brutalität als „Schlächter von Polen“ bekannt, übte vom Wawelhügel herab seine Schreckensherrschaft aus.
Der zweite Reisetag bringt die Fahrt nach Auschwitz, wo die Schülerinnen und Schüler in zwei Gruppen zunächst durch das Stammlager und danach durch das Außenlager Birkenau geführt werden. Jeder kennt die Bilder vom Lagertor, den zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“ oder die Todeswand, vor der zahllose Erschießungen stattfanden. Noch näher aber kommen dem Besucher die hier Getöteten durch die stummen Hinterlassenschaften des Massenmords: Unmengen gestohlener Habseligkeiten, die die Mörder nicht mehr wegschaffen konnten: Brillen, Prothesen, Koffer, abertausende Schuhe, teilweise säuberlich aufgeschichtet, viele davon in Kindergrößen und – Berge von Menschenhaaren, zusammengeworfen, in verschiedenen Farben.
Konzentrationslager
grausam, still
mahnt eindringlich
wie ein Schrei im Nebel
wenn nur Schweigen nicht so laut wäre
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, heißt es. Aber auch wenn es einem die Sprache verschlägt: Über Auschwitz darf man nicht schweigen! Was für ein Glück, dass immer noch Menschen leben, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, von ihrem persönlichen Grauen zu berichten. Einer solchen Zeitzeugin, 1936 geboren und bei Kriegsende neun Jahre alt, darf die Gruppe am nächsten Tag im Jüdischen Museum Galicia in Krakau begegnen. Ihr Vortrag hat den Titel „Der verletzte Baum“. Damit ist ihr Stamm-, ihr Familienbaum gemeint, das von Generation zu Generation wachsende und sich fortpflanzende lebendige Netz von Menschen. Diesen Baum, wie Millionen anderer, haben die Nationalsozialisten beschädigt, verstümmelt, abgehauen.
Die fast Neunzigjährige spricht von ihrer Kindheit in Rabka, fünfzig Kilometer südlich von Krakau. Ihr Vater geriet nach Kriegsbeginn in sowjetische Gefangenschaft, wo er Sklavenarbeit leisten musste. Er wurde zum Kampf gegen die Nazis freigelassen und starb bereits 1942, von der Gefangenschaft geschwächt, an Typhus. Ihre Großeltern wurden bei Massenhinrichtungen in Rabka erschossen, die Mutter konnte mit den beiden Töchtern fliehen und sich in einem kleinen Dorf verstecken. Den Krieg überlebten die drei durch die Hilfe eines polnischen Beschützers, Marian Sikorski, der dafür von der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als ‚Gerechter unter den Völkern‘ geehrt wird.
Im Nachgespräch zum Auschwitz-Besuch und dem Gespräch mit der Zeitzeugin spürt man, wie berührt die Schülerinnen und Schüler sind. Das Sprechen über die Eindrücke und Empfindungen hilft ihnen bei der emotionalen Verarbeitung. Noch anders und vielleicht sogar intensiver nähern sie sich dem Erlebten in kurzen Gedichten, geschrieben auf bunte Notizzettel:
| Holocaust Grausam, unfassbar mahnend wie ein Schrei, der durch die Zeit geht. Wenn nur Menschsein stärker wär als Hass | Asche grau, schwer fällt lautlos wie Schnee über vergessene Namen wenn Hoffnung nicht so früh verbrannt wäre |
Was können, was müssen wir tun, damit etwas wie der Holocaust nie wieder passiert? Sichtlich bewegt diskutiert die Gruppe, und es fallen Begriffe wie ‚Dialog‘, ‚Empathie‘, ‚richtig informieren‘, ‚Nächstenliebe‘, ‚Wertschätzung für unser Leben‘. Hier ist das Gesehene und Gehörte offensichtlich im Denken angekommen.
Der Morgen danach bringt noch einmal Eindrücke aus dunklen Zeiten. Im Museum Ulica Pomorska wird das Leben der Krakauer Bevölkerung in Zeiten des Terrors nachgezeichnet. Den Besuchern öffnet sich hier ein Gebäude von frappierend modernistischer Architektur, das – ähnlich dem Stuttgarter ‚Hotel Silber‘ – zu Zeiten der deutschen Besatzung als Gestapo-Terrorzentrale diente und nach der polnischen Staatsgründung noch bis in die 1950er Jahre hinein ein Angst-Ort totalitärer Machtausübung blieb.
Am Ende der Reise steht aber wieder die Stadt Krakau, die lebt, die bunt und vielfältig ist. Wie auch an den Tagen zuvor haben die Schülerinnen und Schüler Zeit, den guten Ort auf eigene Faust zu erkunden. Die Gruppe ist auf der Reise zusammengewachsen: beim Schauen, Fragen, in der geteilten Betroffenheit, beim Ringen um Worte; aber auch im Lachen, unterwegs in der faszinierenden Stadt, beim Bowling. Nur ein gemeinsames Essen habe noch gefehlt, schreibt jemand auf seinen Feedbackzettel. Nicht das schlechteste Fazit für eine so bunt zusammengewürfelte Gruppe.
Das Vergangene ist nicht tot – es ist nicht einmal vergangen. Auschwitz lässt den Besucher in doppelter Hinsicht erleben, was das bedeutet. Auffallend oft enden die lyrischen Texte der Schülerinnen und Schüler mit Wunschwörtern: ‚wäre‘, ‚würde‘, ‚hätte‘. Im Rückblick auf das an diesem Ort unwiderruflich Geschehene drücken sich Trauer und anhaltender Schmerz aus. Beim Blick nach vorn aber tritt ein neuer Ton von Ernsthaftigkeit und Verantwortung hinzu. Das Vergangene ist nicht vergangen: Es verpflichtet uns jetzt für die Zukunft. So wird der Wunsch zur Forderung:
Hoffnung
neu, brüchig
handeln, glauben
wie ein ferner Traum
Damit sich Geschehenes
nicht wiederholt










